Interview mit Gott

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich überhaupt darauf kam :-), auch egal, jedenfalls habe ich mich hingesetzt und versucht, eine Erzählung zu Papier zu bringen – das Thema: Interview mit Gott. Vielleicht werden Sie sich ja irgendwie angesprochen fühlen, vielleicht wird etwas darin genau auf Sie zutreffen. Die Handlung dieser Geschichte ist frei erfunden und spiegelt auch nichts Bestimmtes aus meinem eigenen Leben wider. Nur die „Botschaften“ dieser Erzählung haben, so glaube ich, Anspruch auf „Wahrheit“...

Auf der Weihnachtsfeier der Zeitschrift „Interview“ wurde mal wieder über alles Mögliche debattiert. Zuerst wurden die Zukunftspläne durchgehechelt, die Erhöhung der Seitenzahlen und der Auflage, die schon laufenden Vorbereitungen für die kommenden Änderungen in der Firma, die neue technische Ausstattung für die Redakteure, die Arbeitszeiten, der Urlaub, die Benefits und anderes mehr. So vergingen die Stunden, doch mit jedem weiteren geleerten Gläschen änderte sich langsam, aber sicher das Gesprächsthema, Firmendinge traten immer mehr in den Hintergrund, viel interessanter waren plötzlich Fußball, Eishockey und – natürlich – das Thema Frauen, und schließlich, wenn auch erst zu vorgerückter Stunde, machte man sich schonungslos über jene Kollegen her, die der Weihnachtsfeier ferngeblieben waren oder am anderen Ende der reich gedeckten Tafel dieses bekannten Restaurants saßen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ließen dann alle mehr oder weniger die Maske fallen, und jeder gab seinem Gegenüber mit all der Wut, die sich seit dem letzten Firmenabend aufgestaut hatte, zu verstehen, was er von ihm hält. Am besten verstanden es noch die Drucker, Haltung zu bewahren, und natürlich die Geschäftsführung, die ihren Alkoholspiegel unter allen Umständen zu kontrollieren versuchte, um aus Unbedachtsamkeit nur ja keine Firmengeheimnisse auszuplaudern oder am Montag nicht Zielscheibe billiger Witze zu werden. Am schlimmsten stand es um die Reporter, denen offensichtlich nichts anderes einfiel, als sich darüber zu streiten, wer wem welche Story gestohlen hatte, wer wem welches Interview vermasselt hatte oder wer von ihnen der Beste und wer die größte Pfeife ist, und wer es allen zeigen würde, wenn man ihm nur endlich die Gelegenheit zu einem Interview gäbe, das diesen Namen auch verdient.

Genau das war Standa Stehlíks Lieblingsthema. Irgendwann zwischen dem sechsten und achten Bier wurde aus ihm immer der beste Reporter der Stadt, der eben nur kein Glück hat und den man einfach nicht an die richtigen Storys heranlässt. Aber wie er immer zu sagen pflegte: „Wartet nur, ihr Scheißer, bis ich mein richtiges Interview bekomme. Dann ist mir der Pulitzer sicher! Kein Auge wird da trocken bleiben. Und dann ist für mich Schluss bei diesem Revolverblatt.“

Die finanzielle Situation der Zeitschrift hätte schlimmer sein können, und so wurden gegen Morgen die letzten müden Mitarbeiter nicht nur von Václav, dem Chauffeur der Firma, sondern auch von einer von der Firma bezahlten Taxiflotte nach Hause kutschiert. Es war Samstag, halb vier in der Früh, als Standa ins Bett fiel. Im Halbschlaf murmelt er noch einmal seine ewige Litanei: „Wartet nur, ihr Scheißer,...“, um dann endgültig in tiefen Schlaf zu versinken.

Montags nach der Weihnachtsfeier war es immer etwas schwierig. Die einen schaften es nicht, sich auf der Feier zusammenzureißen und waren dann eine Spur zu „ehrlich“, die anderen konnten sich zwar an nichts mehr erinnern, hofften nun aber, ihre Gedächtnislücken mit Hilfe der Kollegen schließen zu können. Standas Kopfschmerzen waren schon am Samstagabend verschwunden, sodass er noch den ganzen Sonntag Zeit hatte, sich den Ablauf der Weihnachtsfeier ins Gedächtnis zurückzurufen. Doch vergebens. Das Letzte, woran er sich noch erinnern konnte, war das echt harte Steak, das man ihm serviert hatte, und dann seine Bemerkungen an die Adresse der Köche und des ganzen Etablissements. Alles, was dann folgte, lag hinter einem dichten Nebelschleier verborgen.

Er machte sich einen extra starken Espresso, süßte diesen mit fünf Stückchen Zucker, setzte sich an den Schreibtisch und fuhr seinen Computer hoch. Dann schaute er in Outlook nach, welche Treffen und Reportagen anstanden. Er konnte sich zwar an nichts erinnern, aber das machte nichts. Dafür gibt’s ja schließlich Kalender, oder? Nur schade, dass er sich dort nicht immer alles notiere. Gewöhnlich starrte ihm aus dem Kalender gähnende Leere entgegen, dafür aber waren vereinbarte Treffen auf kleinen Zetteln vermerkt, die am Rand des Monitors klebten. „Ah, na klar!“ jubelte er, als er den Zettel mit dem aktuellen Datum fand. Für 18 Uhr bin ich zu einem Interview mit dem neuen Superstar verabredet. Ja, das könnte er sein – der Artikel, der mein ganzes Leben verändert. Das ganze Leben des neuen Stars sorgfältig durchgehen, ihn nach den Eltern, der Kindheit, der Motivation, den Hobbys und so weiter befragen, die Leser dazu motivieren, selbst von einer Karriere zu träumen und etwas aus ihrem Leben zu machen.

Erst einmal aber aktualisierte er sein Antivirenprogramm und öffnete liebevoll seinen Outlook. So nebenbei kam ihm der Gedanke, dass es langsam wirklich höchste Zeit für einen leistungsstärkeren Computer sei. Dabei fiel sein Blick auf eine Überschrift in dicken roten Großbuchstaben: „Interview mit Gott“ im Laufe des Nachmittags. „Soll das etwa ein Witz sein? Wer zum Teufel kennt das Kennwort zu meinem Computer? Ich habs bestimmt nicht da hingeschrieben.“

Er klickte auf die Überschrift und las die Einzelheiten. Und dort stand: „Bei dir zu Hause, 17:00 Uhr“. Er dachte darüber nach, wie jemand sein 15-stelliges Kennwort hatte knacken können, zumal er es sich nirgendwo schriftlich notiert hatte. Natürlich zog er durchaus auch in Erwägung, dass sich womöglich jemand einen Jux mit ihm machen wollte, und er stellte sich vor, wie er allen zum Gespött werden würde, falls er das jetzt nicht irgendwie elegant zu Ende bringen sollte. Das abendliche Gespräch mit dem Superstar kam ihm gerade recht. Unter dem Vorwand, sich für das Gespräch am Abend vorzubereiten, wird er sich schon um vier aus dem Büro verdrücken können.

Als es schon nach vier war, trug er auf der Anwesenheitsliste tatsächlich seinen Arbeitsschluss ein und machte sich auf den Heimweg. Die Straßen waren zum Glück nicht verstopft, und so stand er schon nach einer halbe Stunde vor der Mietgarage. Die ganze Fahrt hatte er darüber nachgedacht, was das wohl für ein Scherz gewesen sein mochte. Er trat ein, aber niemand war da. „Na klar“ – dachte er. Bis um fünf blieben noch ein paar Minuten, und so machte er es sich im Sessel erst einmal gemütlich. Im Zimmer war es schon ganz dämmrig, doch Standa ließ das „Licht ausgeschaltet“. Wieder und wieder musste er darüber nachdenken, wer wohl auf so peinliche Weise mit ihm herumspielen wollte, und vor allem, warum? Im Geiste ließ er auch die Gesprächsthemen des vergangenen Abends noch einmal Revue passieren. Als dann der Kuckuck 5 Uhr hinausschrie, schien im Zimmer „das Licht anzugehen“.

Standa schaute an die Decke, die Neonröhren waren verblasst. Die ganze Atmosphäre hatte sich auf einmal verändert... als ob alles vor Energie nur so sprühte. Er drehte sich um und sah einen Mann, dessen Kleidung leuchtete. Eigentlich nicht nur die Kleidung, sondern auch sein Gesicht und seine Hände. Es dauerte nur einen Bruchteil einer Sekunde, und Standa kerzengerade auf den Beinen und fragte sich, ob er jetzt schon ganz durchgeknallt sei.

Der Mann sagte, er käme wegen eines Interviews. Und er sei froh, dass Standa pünktlich sei. Standa traute weder seinen Augen noch seinen Ohren und brachte auch kein einziges Wort heraus. Nach einer gefühlte Ewigkeit stotterte es dann aus ihm heraus:“Wer, wer, sind Sie?““Gott“ – lautete die schlichte Antwort des Mannes. „Du wolltest ein Interview mit einer interessanten Persönlichkeit machen, um endlich allen zeigen zu können, was in dir steckt. Du hast damit angegeben, dass dein Artikel den Pulitzer-Preis bekommen und kein Auge trocken bleiben werde. Ich habe beschlossen, dir eine Chance zu geben.“

Der Mann strahlte eine solche Ruhe und Liebe aus, dass Standa sich, so unglaublich die ganze Situation auch zu sein schien, rasch beruhigte. Und ein bisschen erwachte ihn ihm auch wieder die Leidenschaft des Reporters. Und so dachte er bei sich: „Gott, ja gut, warum nicht, dann machen wir also ein Interview“. Standa war Materialist, und auch jetzt war ihm noch nicht danach, „an Gott“ zu glauben. Ständig dachte er darüber nach, was hier eigentlich vor sich geht - vorausgesetzt, dass er nicht schlafe und dass dies keine nachträglichen Halluzinationen nach diesem Kraut sind, das ihm Mařík an dem Abend gegeben hatte. Er hielt seinen Blick starr auf diesen seltsamen Mann gerichtet und fragte: „Kann ich also mit dir, Gott, ein Interview aufnehmen?“

„Sicher, dafür bin ich doch gekommen.“ „Und ich darf fragen, was ich will?“ Aber ja. Frag, was du willst. Ich werde dir meinem Willen gemäß antworten. Ich kann dir nicht auf alles eine Antwort geben. Es gibt Dinge, die ich dir nicht verraten kann.“

Standa drehte seinen Sessel, den anderen bot er dem Besucher an. Er nahm seinen Notizblock (eigentlich wollte er sein Aufnahmegerät einschalten, doch erlaubte ihm der Mann dies aus irgendeinem Grunde nicht. Er setzte sich in den Schneidersitz und öffnete seinen wunderschönen japanischen Füllfederhalter. Das Licht, das der Mann ausstrahlte, war so stark, dass er gar nicht aufstehen musste, um den Lichtschalter zu betätigen. Standa hatte sich mittlerweile schon fast von seinem anfänglichen Schock erholt und erklärte in einem fast schon souveränen Ton: „O.K., fangen wir also an, damit wir es hinter uns haben. Ich habe gleich ein Treffen mit dem Superstar, und das würde ich nur ungern verpassen.“

„Also dann... Wer bist du, und warum bis du eigentlich hier?“ „Diese Frage habe ich dir schon beantwortet. Ich bin Gott, und ich bin gekommen, um dir die Chance zu geben, mal ein wirklich interessantes Interview zu machen.“ „Aha, du bist Gott, alles klar. Und, Gott, kannst du mir da nicht kurz die nächsten 6 Richtigen bei den Lottozahlen verraten?“ „Nein, das kann ich nicht – aber da weißt du ja selbst.“ „Natürlich, ich habe auch nicht wirklich damit gerechnet. Und kennst du sie denn wenigstens“? Standa konnte sein schelmisches Grinsen nicht unterdrücken. „Ja, ich kenne sie“, antwortete Gott. „Also gut, lassen wir diesen Unsinn“, sagte Standa und sein ganzes Auftreten wurde von nun an tatsächlich etwas ernster.

„Du sagst, du seist Gott, ja? Aber was für ein Gott? Wir haben hier bei uns einen ganzen Haufen Götter. Jeder glaubt an einen anderen, und nicht einmal die Anhänger einer bestimmten Religion könne sich diesbezüglich richtig einigen.“ „Ich bin der einzige, wahre Gott, der Vater des Jesus von Nazareth, der Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks...“ Standa unterbrach ihn. „Aha, also dieser Gott der Christen, der Gott der Bibel, nicht wahr?“ Standa lächelte ihn an.

„Und hast du, Gott, auch einen konkreten Namen? Weißt du, diese „Titel“ sind immer so lang, dass man sie sich irgendwie schlecht merken kann. Ich meine für den Fall, dass dich mal jemand ansprechen möchte...“

„Ja, ich habe einen Namen.“ „Und wie kommt es, dass wir ihn nicht kennen? Warum hast du ihn uns noch nicht verraten? Vor Kurzem hatte ich ein Interview mit einem Erzbischof, und der sagte, dass wir nicht wissen, wie der tatsächliche Name Gottes lautet. Er sprach von Jesus, aber er sagte nichts über dessen Vater.“

„Ja, das ist sehr traurig. Ich habe meinen Namen fast 7000 Mal in die Bibel schreiben lassen. Aber ihr habt ihn vergessen, genauso wie ihr mich vergessen habt. Die meisten Menschen und Kirchen in der Welt haben meinen Namen durch eine Art Beinamen ersetzt. Hier ersetzten sie meine Namen durch den Beinamen Herr, was im Alttschechischen so viel wie „anmutiger Herr“ bedeutet. In den meisten Fällen ersetzten sie meinen Namen durch den Ausdruck Gott oder Herr.“

„Ja gut, und wie ist das mit diesem Jesus?“

„Ich habe euch meinen Sohn, Jesus von Nazareth, geschickt, auf dass er euch helfe. Aber die meisten Kirchen haben mich vergessen und setzten meinen Sohn an die erste Stelle. Ich freue mich darüber, dass die Menschen meinen Sohn lieben, aber ich weine darüber, dass sie darüber mich, Ihren Gott und Vater, vergessen haben.“

„Und wie konnte es dazu kommen?“

„Den Menschen gefielen die harten Strafen im Alten Testament nicht, und Jesus fanden sie da schon „braver“. Gewöhnlich richtete er die Menschen nicht, sondern überließ das Gericht mir. Ich hatte ihn geschickt, damit er euch hilft, damit er euch rettet und damit ihr wieder den Weg zu mir finden könnt. Er ist, wie er euch richtig sagte, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zu mir als durch ihn.“

„Aha. Naja, von diesen religiösen Dingen verstehe ich nicht allzu viel, aber ich schreib’s mir mal auf. Du weißt ja, dass ich nie an Dich geglaubt habe, nicht wahr?“

„So ganz stimmt das nicht. Damals in dem Ferienlager, als du 13 Jahre alt warst, hast du geglaubt. Du hast mich um die Vergebung deiner Sünden gebeten, du hast geweint und wolltest mich tatsächlich kennenlernen. Du hattest dich in diese Blondine verguckt, die dir von mir erzählt hatte. Sie hieß Olina. Du hattest mir angeboten, dass, wenn ich es so einrichte, dass sie sich in dich verliebt, du mir dann dein Leben lang dienen würdest. Darauf bin ich natürlich nicht eingegangen. In euren freien Willen greife ich nicht ein.“

„Genug jetzt! Woher weißt du das alles? Ja, klar – du bist Gott. Das mit dem Ferienlager , das hatte ich schon lange vergessen. Das war nur so eine jugendliche Laune. Aber was willst du eigentlich von den Menschen? Und Deine Kirche, das ist nur so ein Verein sich verstellender armer Teufel, die selbst nicht genug Mut haben, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen. Na, und da haben Sie eben dich erfunden. Hm, also gut, erfunden haben sie dich nicht. Aber trotzdem sind es nur Heuchler. Die Woche über stehlen Sie auf der Arbeit, betrinken sich und schlagen ihre Frau und ihre Kinder, und am Sonntag machen sie in der Kirche dann einen auf fromm. Wie zum Beispiel mein Nachbar.“

„Es sind nicht alle gleich. Und du weißt sehr gut, dass du dich damit nur herausreden willst, um dein Leben nicht ändern zu müssen. Und was ist es, was ich will? Dass die Menschen mich als Gott kennen, und als ihren himmlischen Vater. Und wonach sehne ich mich?“ Der Mann senkte seine Stimme und sagte: „Wie jeder liebende Vater. Das ihr mir vertraut, dass ich es gut mit euch meine und dass ich für euch das Beste will.“ Der Mann senkte seine Stimme jetzt noch mehr und fügte hinzu: „Dass ich mit euch, mit meinen Kindern, ein vertrauensvolles Verhältnis habe und von euch die Worte höre, nach denen sich jeder Vater am meisten sehnt: ’Ich hab dich lieb, Papa’ ...“

„Na, jetzt hast du mich fast zum Weinen gebracht. Aber wo bist du gewesen, als meine Eltern im Auto ums Leben kamen? Wo warst du, als ich in der Schule schikaniert wurde? Wo warst du, als meine Frau mich verließ?“

„Ich war immer bei dir. Ich gab dir Kraft, damit du nicht von dieser Brücke sprangst. Ich will dir der Vater sein, nach dem du dich immer so gesehnt hast. Ich will alle Wunden in deinem Herzen heilen. Du musst es mir nur erlauben...“

„So, das reicht! Danke für das Gespräch. Ich denke, ich habe alles, was ich wissen wollte. Aber vor allem soll ich gleich ein Interview mit dem neuen Popstar machen. Ich hoffe, ich schaffe das zeitlich noch. Irgendwie hat sich unser Gespräch etwas in die Länge gezogen. Also gut. Noch einmal vielen Dank für das Gespräch. Man sieht sich – vielleicht.“

Standa begann sich eilig anzuziehen. Dabei steckte er das Mikrophon, den Notizblock, die alte verbeulte Spiegelreflexkamera und die zwei Objektive samt Blitzlicht in die Tasche. Ganz in die Vorbereitung seines Interviews mit dem aufgehenden Stern des Musikhimmels versunken, bemerkte er gar nicht, wie der Mann traurig aus dem Sessel aufstand und durch die geschlossene Tür hinausging. Das wurde ihm erst bewusst, als sich im Zimmer Dunkelheit breit machte ausbreitete.

 
Libor Diviš

 

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