Wie dich selbst...

Gal 5,14: Denn das ganze Gesetz wird in einem Wort erfüllt, in dem: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«.


Das obige Gebot ist das vielleicht am häufigsten verletzte Gebot überhaupt. Warum ist das so? Und was kann man damit machen? Worin besteht eigentlich das Problem?


Das Problem besteht darin, dass unser ganzes Leben sich doch irgendwie um die Suche nach einer gewissen Balance, nach dem richtigen Maß dreht. Die wenigen Dinge im Leben, die sich in ein klares „Schwarz-Weiß“-Raster zwängen lassen, sind vereinfacht in den 10 Geboten Gottes enthalten (Ex 20,2-17; Dtn 5,6-21). Alles Übrige nötigt uns dazu, nachzudenken, zu beurteilen, zu bewerten und zu korrigieren.


Es ist alles andere als einfach, die richtige Balance etwa zwischen Empfindsamkeit und Härte, Opferbereitschaft und Selbstvergessenheit, Liebenswürdigkeit und Strenge zu finden. Wir stehen alleine auf einer Wippschaukel und versuchen, sie auszubalancieren (zumindest die Verantwortungsbewussten). Und als ob das nicht schon schwer genug wäre, versucht der Böse, uns auf die eine Seite der Schaukel zu kriegen. Und im Grunde ist es ihm ganz egal, auf welcher Seite wir am Ende landen – Hauptsache, dass wir das Gewicht nicht ausbalanciert bekommen.


Es ist egal, ob der Böse jemanden davon überzeugt, so zu leben, dass er für sich so viel wie nur möglich zusammenrafft, ohne Rücksicht auf die Menschen um ihn herum, oder ob er die Sensiblen mit Vorwürfen mürbe macht, da sie angeblich ja sowie zu nichts taugen, unvollkommen sind, für andere immer viel zu wenig tun usw. Hauptsache, die Haltung dieser Menschen befindet sich nicht in der richtigen Balance. Jeder wird auf die eine oder andere Seite der Schaukel gedrückt – je nachdem, gegen was er empfindlich ist und wozu er selbst neigt. Bei dem einen werden die Bemühungen dahin gehen, dass er den Rest seines Gewissens und seiner Sensibilität verliert, und bei einem anderen wiederum führen die Bemühungen in die entgegengesetzte Richtung – also dass jemand aufgrund seiner übertriebenen Sensibilität wegen all der Schmerzen, der er um sich herum sieht, zusammenbricht. Am Ende ist es ja egal, ob jemand an Unterernährung (Anorexie) oder an den durch Fettleibigkeit entstandenen Beschwerden stirbt, Hauptsache, seine Einstellung zum Essen und zu seinem Äußeren ist nicht in der richtigen Balance. Es ist gleich, ob jemand arrogant, unzugänglich und unbelehrbar ist, oder ganz im Gegenteil submissiv, ohne eigene Meinung und ohne Selbstwertgefühl, Hauptsache: die Haltung des betreffenden Menschen ist nicht in der Balance.


Die Richtung, in die wir gedrängt werden, ist durch das gegeben, gegen das wir empfindlich sind. Und das ist wiederum vor allem dadurch beeinflusst, was wir in unserer Kindheit erlebt haben, beziehungsweise dadurch, wie wir auf eine bestimmte Situation reagiert haben. Die Umprogrammierung unseres Denkens ist ein schwieriges Unterfangen. Die Schrift sagt, dass wir uns durch die Erneuerung unseres Denkens wandeln sollen (Röm 12,2). Wir sollen prüfen, was gut und richtig ist. Und das betrifft auch diese Balance.


Dieser Denkentwurf ist nicht einmal so sehr für jene gedacht, die ihr Leben ohne Rücksicht auf andere bis zum Anschlag genießen wollen (die betrifft es sowieso nicht), sondern für all die sensiblen, mit Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstvorwürfen Geplagten. Diese Menschen müssen wissen, dass sie genauso viel wert sind wie alle anderen und dass das Gebot, sich selbst wie seinen Nächsten zu lieben, auch für sie gilt. Es hilft nicht, zu sagen, dass wir uns alle gern haben und wir daher mit Leichtigkeit die Bedingung erfüllen, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben. Wenn wir alles für die anderen tun und dabei uns selbst vergessen, ist das in etwa das gleiche Malheur, als wenn wir nur an uns selbst denken würden. Unsere „Waage“ ist nicht ausbalanciert, und das hat unangenehme Folgen.


Ein weiteres Problem jener Leute, die alles für andere tun und nicht an sich selber denken, besteht darin, dass sie dies häufig gar nicht „aus Liebe zu ihren Nächsten“ tun, sondern der Selbstvorwürfe, aus Angst, abgelehnt zu werden oder Freunde zu verlieren oder beispielsweise aus Angst davor, dass Gott sie wegen ihrer unzureichenden Verdienste am Ende an den Ort ewiger Qualen schicken wird.


Die richtige Balance ist für unser Leben wirklich wichtig. Wenn Sie anderen helfen möchten, ist das toll, aber bitte nicht so, dass Sie sich dabei völlig verausgaben, alle Ihre Kräfte investieren, um anderen zu helfen, und selbst dabei Mangel leiden. Der Apostel Paulus fasst das wunderschön in seinem zweiten Brief an die Korinther zusammen:


2.Kor 8,12-14: Denn wo die Bereitwilligkeit vorhanden ist, da ist einer wohlgefällig entsprechend dem, was er hat, nicht entsprechend dem, was er nicht hat. Nicht, damit andere Erleichterung haben, ihr aber Bedrängnis, sondern des Ausgleichs wegen: In der jetzigen Zeit soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss eurem Mangel abhilft, sodass ein Ausgleich stattfindet,

 


Was also ist zu tun?

Die Lösung besteht in einer Änderung der Haltung und des Verhaltens, zusammen mit Gebeten um eine Genesung. Das eine ohne das andere führt nämlich in der Regel nicht zum ersehnten Ziel. Wir müssen aktiv damit beginnen, die richtige Balance in unserem Leben und in unseren Haltungen zu erreichen und sie mit Inhalt zu füllen. Das bedeutet, der Angst und den Selbstvorwürfen den Kampf anzusagen und das zu tun, was richtig ist und was jene ausbalancierte Haltung ausmacht.


Haben Sie Angst, jemandem „Nein“ zu sagen, damit dieser sich nur ja nicht über Sie ärgert, seine Freundschaft aufkündigt usw., Sie also seinen Vorstellungen entsprechen, obwohl Sie das eigentlich gar nicht wollen? Sie entsprechen den Wünschen eines anderen, obwohl Sie wissen, dass der andere Ihre Schwäche offensichtlich ausnutzt oder sogar missbraucht? Tut mir leid, aber da gibt es keinen anderen Weg, als gegen diese Angst anzugehen und das zu tun, was richtig ist.


Machen Sie sich Vorwürfe, dass Sie für andere zu wenig tun, obwohl Sie dabei „auf die Schnauze fallen“ und Ihnen keine Kraft mehr für Ihr eigenes Leben übrig bleibt? Machen Sie sich bewusst, wer das ist, der daran interessiert ist, dass Sie sich völlig verausgaben (am besten bis zum Tod), dass Sie jede Lust am Leben verlieren, und stoppen Sie das. Machen Sie sich klar, wie sehr Sie das Gebot, Ihren Nächsten wie sich selbst lieben, verletzten. Es ist nicht der Wunsch Gottes, dass Sie alle Ihre Kräfte für den Dienst am Nächsten aufwenden und Sie selbst im Elend und in totaler Erschöpfung sterben. Wie der Apostel Paulus sagt:

1.Kor 13,3: Und wenn ich alle meine Habe austeilte und meinen Leib hingäbe, damit ich verbrannt würde, aber keine Liebe hätte, so nützte es mir nichts!


Denn wir müssen diese Liebe auch gegenüber uns selbst haben!


Es gibt keinen anderen Weg, als allen diesen Selbstvorwürfen den Kampf anzusagen und das zu tun, was richtig ist – auch an sich selbst denken, nicht nur an die anderen, ein Stück Liebe auch für sich selbst zu lassen...

Mt 12,36: Ich sage euch aber, dass die Menschen am Tag des Gerichts Rechenschaft geben müssen von jedem unnützen Wort, das sie geredet haben.


Viele aber reden so, als ob Jesus statt dieser Worte gesagt hätte, dass wir Rechenschaft geben müssen von allem, was wir im Leben für uns selbst getan haben...


Vielleicht werden Sie jetzt darüber nachdenken, warum bei einer aktiven Änderung der Haltung und des Verhaltens auch das Gebet nicht fehlen darf. Oder aber Sie denken darüber nach, warum Gebete alleine nicht genügen...


Eingangs hatte ich gesagt, dass unser Verhalten stark dadurch beeinflusst wird, was wir in unserer Kindheit erlebt haben. Es gibt nur wenige, die in jenem Lebensabschnitt keine Schrammen abbekommen. Vereinfacht gesagt: Wir bedürfen einer Gesundung von Gott aus. Das Problem besteht darin, dass wir selbst dann, wenn Gott unsere Verletzungen heilen würde, dazu neigen würden, zu den alten Haltungen zurückzukehren. Es würde schon genügen, dass der Böse mit seinen Vorwürfen, mit der Angst vor Ablehnung käme, und wir wären schon bald wieder da, wo wir früher schon einmal waren. Deshalb ist unsere Zusammenarbeit so wichtig, deshalb müssen wir gegen diese destruktiven Haltungen und Verhaltensweisen ankämpfen, die uns nicht nur aus der Balance bringen, sondern uns buchstäblich vernichten sollen. Wenn wir das lernen, kann Gott uns heilen, ohne dass die Gefahr besteht, dass wir in die alten Verhaltensmuster zurückfallen.

 
Libor Diviš

 

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